Dinge lernen

"Gewissermaßen schließt du Freundschaft mit dem Tod und sprichst dich sozusagen mit ihm aus." steht auf einer der letzten Seiten von Murakamis "Kafka am Strand" (der war ja schon ein paarmal hier). In der Szene wird erklärt, mit welcher Einstellung man Surfen lernt und irgend wie finde ich das ziemlich schlüssig.

Man lernt Dinge dann, wenn man zwei entscheidende Ängste verliert. Die vor der Zeit und die vor dem unmittelbaren Tod. Es wird beschrieben, dass man - um RICHTIG Surfen zu lernen - eine lebensgefährliche Situation beim Surfen er- (und natürlich über-) lebt haben müsse. Diese führe zu obiger Erkenntnis, dass die eigene Vergänglichkeit, das persönliche Scheitern eben immer elementarer Bestandteil eines Lernprozesses ist.

Das ist auch der Grund, warum ich die Implementierung von Gamifikation-Erkenntnissen in die Pädagogik für sehr interessant und sinnvoll halte. Hier werden gerade die beiden Aspekte Zeit und Scheitern in ertragbarer Weise genutzt, um eine Identifizierung und somit nachhaltige Implementierung von Lerninhalten und -zielen zu erreichen. Und das (für alle Skeptiker und Frontal-Hierarchie-Pädagogen) ist genau das Lernverhalten, das Kindern evolutionär mitgegeben wurde: Dinge ausprobieren (oft und gern auch modellhaft abstrahiert) und eine physikalische, soziale oder vitale Rückmeldung erhalten, die auch echt ist.

Wenn es einen Gewinner gibt, gibt es auch Verlierer. Wenn es Leute gibt, die sehr perferkt ein Instrument beherrschen, muss mir das noch lange nicht gelingen, wenn Menschen lernen, auf Surfbrettern nicht gegen sondern mit den Naturkräften zu fahren, gibt es auch Menschen, die dabei umkommen, wenn ich Fleisch essen will, muss irgendwer ein Tier schlachten.

Neu sind diese Überlegungen ja nicht, aber irgendwie setzen sie sich nicht durch. Zumindest nicht in dem Maße, dass man sie als allgemein anerkannt und verinnerlicht bezeichnen könnte. Oft ist es die eigene Angst der Eltern (denn etwas anderes ist es ja nicht, Kinder übermäßig zu behüten und vor "dem Übel der Welt" schützen zu wollen) zu versagen oder zu leiden, wenn sie ihren Kindern Erfahrungen vorenthalten. Und nein, ich meine nicht den nahenden Bus beim Spielen auf der Straße.

Ich glaube allerdings auch, dass der zweite wichtige Teil der oben gemachten Aussage erst im späteren Leben eine wichtige (vermutlich eine zunehmend wichtigere) Rolle spielt: Die Zeit. Lernen, soweit sollte man ja den aktuellen Stand der Forschung und der gesellschaftlichen Akzeptanz voraussetzen können, Lernen hört ja nicht auf. Und das ist eine Krux, wenn man ein Organismus ist, der absehbar irgendwann stirbt.

Hat man die erste Hürde, die Akzeptanz des eigenen Scheiterns erstmal verkraftet und sich nicht durch sie entmutigen lassen, sondern sie als notwendige Voraussetzung begriffen, stellt man fest, dass man nun die Motivation zum Lernen verteidigen muss und das, ohne Aussischt auf Erfolg. Egal wie viele Wellen man reitet, egal was man sich zutraut, übersteht und anschließend im persönlichen Handlungsrepertoire vorrätig hat, man steuert damit doch auf das eigene Ende zu. Daran nicht zu verzweifeln ist vermutlich die größte innerpersonelle Herausforderung überhaupt. An ihr scheitern viele. Ein unakzeptiertes, frustriendes Scheitern, das zu Verbitterung und Gram führt, weil es unabwendbar erscheint und ist.

Bei Murakami wird die Figur, die mit der Erkenntnis der "Todesfreundschaft" um die Ecke kommt als ein sehr gelassener, "als hätte er alle Zeit der Welt" Charakter beschrieben und vielleicht muss man das werden, wenn man weiter nachhaltig Lernen können will. Man muss akzeptieren, dass jeder Lernprozess den man beginnt, dem man sich stellt, im nächsten Augenblick abgebrochen und zunichte gemacht wird. Man muss akzeptieren, dass die Erfahnungen, die man macht, alles was man lernt, einzig im eigenen Ich existieren und niemals darüber hinaus konserviert werden können, weder in Büchern, noch Liedern, noch Geodaten oder Blogs.

Das ist insofern schwierig, weil man bis dahin (quasi nebenbei) mitbekommen hat, dass Lernen auch Aufwand, oft schlicht Zeitaufwand, bedeutet. Und zwar nicht nur die Zeit des aktiven Auseindersetzens mit der Sache, sondern viel mehr noch die Zeit dazwischen, in der unser Gehirn damit beschäftig ist, das Erfahrene in abrufbare Strukturen zu dängeln und bosseln. Aber auch das muss man erstmal kapieren und diese Zeit dem Lernprozess quasi zusätzlich hinzugestehen.

Hat man das alles akzeptiert und verinnerlicht, kommt plötztlich eine Lust auf Neues auf. Irgendwie klingen so dämliche Sachen wie Surfen lernen interessant und man sieht sich schon vor dem geistigen Auge souverän meterhohe Wellen meistern lässig (und gebräunt) mit der linken Hand die Wasseroberfläche streifen, während einen ein Wellentunnel im Hintergrund vorrantreibt. Oder doch mal richtig Englisch lernen oder Keyboard spielen oder Singen oder vielleicht sogar nochmal Ausdruckstanz verstehen.

"Gewissermaßen schließt du Freundschaft mit dem Tod und sprichst dich sozusagen mit ihm aus." steht auf einer der letzten Seiten von Murakamis "Kafka am Strand" (der war ja schon ein paarmal hier). In der Szene wird erklärt, mit welcher Einstellung man Surfen lernt und irgend wie finde ich das ziemlich schlüssig.Man lernt Dinge dann, wenn man zwei entscheidende Ängste verliert. Die vor der Zeit und die vor dem unmittelbaren Tod. Es wird beschrieben, dass man - um RICHTIG Surfen zu lernen - eine lebensgefährliche Situation beim Surfen er- (und natürlich über-) lebt haben müsse. Diese führe zu obiger Erkenntnis, dass die eigene Vergänglichkeit, das persönliche Scheitern eben immer elementarer Bestandteil eines Lernprozesses ist.

Oder Ballett anfangen ...

....danke für den großartigen Beitrag! :)

Ah ja,

deshalb also ;).

Bitte.

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