Richtig und Falsch.

Normalerweise komme ich ganz gut damit kar, nicht so genau zu wissen was das ist. Ich mag die Unschärfe zwischen diesen beiden Polen, die es ja eigentlich überhaupt nicht in Reinform gibt. Bei vielen Dingen schere ich mich auch garnicht darum, mir zu überlegen ob es richtig oder falsch ist sie zu tun. Da geht es mir vorrangig darum, zu entscheiden, ob ich sie tun möchte oder nicht. Auch wieder ein Dualismus.

Geht es anders? Kann man anders denken? Anders als gut vs. schlecht, nützlich vs. schädlich, angenehm vs. unangenehm? Ist nicht die Annahme, man würde in den vielen Graustufen dazwischen agieren, nur ein großer Selbstbetrug? Will (oder Muss) man nicht das Gefühl haben das Richtige zu tun? Oder kann man gänzlich in Unwägbarkeiten leben? Und wenn ja, wie lange?

Ich habe gerade den Eindruck, Entscheidungen treffen zu können, die ich mir vor einem Jahr nicht zugetraut hätte. Und sie funktionieren. Sie liefern das erwartbare (auch das gewünschte) Ergebnis. Es ist sehr angenehm, sich auf Erwartbares verlassen zu können. Es ist sehr komfortabel Wohlbehagen herstellen, Schmerzen lindern zu können. Und es ist erstaunlich, zu merken, dass ich das kontrollieren (vielleicht sogar beherrschen) kann. Beherrschen hat zwei (kurioserweise eine prozesshafte und eine statische) Bedeutungen: 1. unterdrückend kontrollieren (fortwährend) und 2. Techniken und Fertigekeiten zielgerichtet um- und einsetzen können (gelernt, abgeschlossen).

Selbst das bewusste, situative Aufgeben von Kontrolle und Beherrschung ist sehr angenem. Fühlt sich lebendig an, echt und direkt unvermittelt. Und auch dabei ist mein Eindruck gelernt zu haben es einsetzen zu können. Die entscheidende Entscheidung zu treffen und dann den Dingen ihren Lauf zu lassen. Teilweise mit kuriosen Folgen.

Aber ist das richtig? Und muss ich diese Frage beantworten können? Oder besser: Warum stellt sich diese Frage überhaupt? Ist nicht das schon Indiz dafür, dass sie beantwortet werden will/sollte/muss? Also: Ist das richtig?

Vielleicht ist es noch das Staunen darüber, dass es so funktioniert, was mich davon abhält weiter über die moralische Bewertung nachzudenken bzw. sie zu einem schließlichen Ende hin klären zu wollen. Vielleicht ist es auch einfach das Grundprinzip des Vorranges hedonistischer Triebe vor der Moral, die gemeinhin keine Tore schießt. Moral ist nicht erfolgreich. Aber bin ich es? Wo ist zwischen richtig und falsch Platz für Erfolg, dafür Fünfe mal gerade sein zu lassen und für das eigenen Wohlbefinden?

Und woran misst sich der Erfolg? An den Tagen an denen ich ruhig einschlafe? An denen ich motiviert aufwache? An denen ich zwischendrin schmunzeln kann, weil eigentlich das meiste ganz ok ist? An dem Gefühl beim Geldausgeben? An dem Gefühl beim Anblick vertrauter Gesichter? An den Texten die ich zufrieden schreibe oder an den Texten während deren Schreibens ich zufriedener werde?

Und mit einem leisen Bling (und Schmunzeln) bin ich wieder am Anfang. Und doch nicht. Scheiß prozesshaftes Drecksleben. Wieso sind wir neuronal nicht besser darauf eingestellt, daran angepasst? Wir leben zu lange. Noch vor hundert Jahren wären alle diese Fragen für mich bereits abschließend geklärt gewesen. Was ein unglaublicher Luxus, den wir da mit uns rumschleppen. X-mal so lange wie vorgesehen der Hoffnung hinterherzurennen ein "richtig" oder "flasch" zu bekommen und dann doch immer nur wieder in die Warteschleife gehängt zu werden, über der das "wegen Zeitüberschreitung vorrübergehend nicht erreichbar"-Schild hängt.

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